17.00 Uhr

Langsam schlurfte ich ins Badezimmer, machte Licht und sah in den Spiegel.
Ich grinste mein Konterfei an: Mann, siehst du beschissen aus!
Falten, Tränensäcke, weiße Haare, aber etwas zu reichlich davon. Vielleicht sollte ich mal etwas Farbe drauf schmeißen? Zahnlücken. Ich war schließlich die letzten 70 Jahre nicht mehr beim Zahnarzt!
Wozu diese Quacksalber bereichern, wenn es solche Universalmedikamente wie Whisky gab, die alles abtöteten, was versuchte, sich illegal im Körper breitzumachen. Das, was der nicht schaffte, beendeten dann die guten schwarzen Cubas. In Ergänzung dazu hier und da mal einen Joint, denn jeder wußte, daß Marihuana für und gegen alles gut war. Von Haarausfall bis zu Schweißfüßen, obwohl bei Letzteren die Wirkung nicht so berauschend sein mußte. Konnte aber auch sein, daß meine Schweißmoleküle einfach zu resistent waren.

Daß ich für mein Alter noch soviel Wolle auf dem Kopf hatte, führte ich außerdem auf den extrem geringen Verbrauch von Shampoo zurück. Die alten Germanen haben sich ja auch nicht jeden Tag die Haare gewaschen.
Alles in allem war es kein Wunder, wenn die Damen bei meinem Anblick reihenweise in Ohnmacht fielen und Mütter ihre Kinder schützend in den Arm nahmen, wenn ich irgendwo auftauchte.
Aber heute war alles ein wenig anders. Immerhin war Damenbesuch angesagt!. Und das auch noch in etwa einer Stunde. Scheiße! In meinem Jahrgang sollte man doch langsam über so etwas hinaus gewachsen sein.
Aber wenn Damen ins Spiel kamen...? Alter hin oder her! Macho bleibt Macho!
Also Rasieren! Zum letzten Geburtstag hatte mir Moneypenny, mit dem ganz großen Zaunpfahl winkend, einen der neuen Braun-Rasierer geschenkt, die auf Ultraschall-Basis die Stoppeln einfach pulverisieren.
Das sei ganz einfach und erfordere nur zwei Minuten, um einen Zigtage-Bart verschwinden zu lassen. Man brauche sich auch viel seltener rasieren, da die Haare porentief entfernt würden.
Die können mich mal! Wenn schon, dann auch auf richtig altmodische Weise. Mit Creme und Rasierklingen, die allerdings schon etwas schwierig zu besorgen waren. In Deutschland wurden solche Dinger schon seit Jahren nicht mehr hergestellt. Mein Höker hatte aber eine Quelle, wo er für die ewig Gestrigen noch welche besorgen konnte, die aus dem Irak stammen sollten. Wahrscheinlich eine von deren Geheimwaffen, die der Kontrolle der UNSCOM, die man vor ein paar Jahren wieder eingesetzt hatte, nachdem die Amis schmälig versagt hatten, entgangen war. Egal! Hauptsache naß!

Ich fühlte mich ziemlich unwohl, als ich mich so mit nacktem Kinn im Spiegel musterte. Wird auch wieder nachwachsen, tröstete ich mich und langte zur Zahnpastatube. Ich drückte, aber es kam nichts raus. Ich konnte mich nie daran gewöhnen, daß selbst so ein Mist voiceactiv war, wie es so schön in Neudeutsch hieß.
Da es sich um eine amerikanische Creme handelte, brummte ich: "Please, spend one inch of creme!" Und siehe da, wenn ich nicht schon die Bürste parat gehalten hätte, wäre die Paste quer durch den Raum geflogen. Ich bewunderte zutiefst die ingenieurtechnische Leistung, die in dieser Tube steckte.
Eigentlich hätte ich nun mit einem guten Whisky nachspülen müssen, aber da ja seit ein paar Jahren endlich die 0,00 Promille-Grenze auch für normale Fahrer eingeführt worden war, und eben dieser besagte Karotten-Kopf vor meiner Tür stehen würde, mußte ich mit diesem ekligen Pfefferminz-Geschmack leben.
Ich sollte mir vielleicht noch etwas Rouge auf die Wangen legen und mir von Douglas ein teures Döschen "Falten-weg-in-Sekunden" kaufen, aber ich entschloß mich, zu meiner Visage zu stehen. So furchtbar viel anderes blieb mir ja auch gar nicht übrig. Außerdem blieb sowas nun mal nach einem Leben wie meinem unausweichlich übrig.
Aber noch etwas Deo unter die Achseln und Dr.Scholl's-Fußspray auf die Füße. Das war's dann aber auch! Man soll es ja nicht übertreiben, denn schließlich wollte ich ja nächstes Jahr noch meinen 75igsten feiern, und zwar bei bester Gesundheit, wenn man von den paar kleinen Defiziten, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges nun mal vorhanden waren, absieht.

Nun tat sich das schwierige Problem auf: Was anziehen? Normalerweise keine Hürde, denn ich hatte eh nur die Auswahl zwischen einigen dicken, der Jahreszeit angemessenen kanadischen Holzfäller- und ein paar US-amerikanischen Farmerhemden. Alle in ziemlich bunten Schottenmustern. Für's Atlantic war es nicht gerade das richtige Outfit.
So etwas wie Anzüge und Schlipse kamen mir nämlich nicht ins Haus, denn das war was für die kleinen Masochisten unter uns. Die so ziemlich schlimmsten Erfindungen seit Wasser und Seife. Die Atombomben nicht zu vergessen. Oder Karaoke.
Noch eine frische Jeans und meine Fahrerweste mit Keflar-Einlage, der wichtigste Ausrüstungsgegenstand überhaupt. Ohne die könnte ich gar nicht existieren. In den tausenden Taschen befanden sich all die Gegenstände, die für einen Mann von der Straße unumgänglich notwendig waren.
Wow! Fertig! So lange hatte ich ja schon seit der jüngeren Steinzeit nicht mehr gebraucht.


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