18.00 Uhr

Die Treppe war ziemlich steil und mit meinem steifen Bein ein wenig schwierig zu begehen, hatte aber den eklatanten Vorteil, daß niemand so einfach in mein Domizil reinschneien konnte, ohne durch das Knarren der Stufen verraten zu werden.
Da oben hatte auch niemand etwas zu suchen. Das war sacro sanct! Ich glaube, ich habe das letzte Mal vor etwa 8 Jahren jemandem erlaubt, da hoch zu kommen, und das lag nicht nur an der Tatsache, daß es bei mir aussah, wie bei Hempels unterm Sofa.
Irgendwo brauchte man in meinem zarten Alter ja auch ein Plätzchen, um sich zu
regenerieren. "My horne is my castle" war mir absoluter Ernst.

Millionen Bücher stapelten sich bis an die Decke, dazu meine geradezu geniale Video- und DVD-Sammlung und Musik ohne Ende aus allen Zeiten und jeder Gattung.
Die besten Scheiben hatte ich dem Computer einprogrammiert, aber bei der Masse kam ich damit nicht hinterher. Trotz dieses Chaos' haßte ich es, wenn jemand Fremdes seine Pfoten in meine Sachen steckte, um aufzuräumen. Ich haßte Ordnung jeder Art, vor allem befohlene. Es lebe der Anarchismus! Privat und in der Politik.
Und für meinen kleinen Betrieb hatte ich Moneypenny und meine Leute, die gefälligst selbst zu denken hatten. Wer das nicht konnte, hatte bei mir nichts zu suchen. Und bisher hatte ich Glück. Äußerlich hätten sie zwar jeder Verbrecherkartei alle Ehre getan, aber es waren ganze Kerle und eine ganze Frau. Na ja, dafür hatte ich eben ein Händchen. Ich klopfte mir in Gedanken selbst auf die Schulter.

Bevor ich die klapprige Tür zum "Office" aufstieß, räusperte ich mich. Schließlich arbeitete da eine, wenn auch nicht mehr ganz taufrische, Dame, die allerdings mit allen Wassern von Alster und Elbe gewaschen war. Bei der biß sich auch der gewiewteste Steuerfahnder die Zähne aus. Und niemand war im Abwimmeln unerwünschter Gestalten besser als sie. Mein Dank würde ihr ewig nachschleichen, Das Schlimme war nur: Die wußte das!
Aber immerhin besaß sie genug Takt, mich nicht merken zu lassen, daß sie die eigentliche Cheffin des Ladens war. Und ich meinerseits ließ sie ebenfalls in dem Glauben, denn dadurch brauchte ich mich mit dem ganzen Scheiß wie Papiere und Geld nicht abzugeben, denn beides haßte ich wie die Pest, obwohl man um diesen Müll ja leider nicht herum kam.

"Hallo, Moneypenny!" begrüßte ich sie fröhlich aufjauchzend.
Und wie jeden Tag raunzte sie mich an: "Fräulein Pfennig, bitte! Chef!"

"Wenn ich jetzt einen Hut aufhätte, und es dort in der Ecke einen Kleiderständer gäbe, würde ich diesen nun gekonnt quer durch den Raum segeln lassen. Da wir aber beides nicht haben, muß ich auf diese Geste verzichten. Trotzdem einen munteren guten Morgen, meine Liebe!"

"Chef, Sie sollten sich mal etwas mehr Ernst der gegebenen Situation gegenüber angewöhnen. Und bevor ich diesem Etablissement fluchtartig den Rücken zukehre, denn meine Arbeitszeit ist schon sein etwa dreieinhalb Stunden vorbei, müssen Sie noch ein paar Papiere zu Kenntnis nehmen und unterschreiben.
Hat der Computer Ihnen schon erzählt, daß das Finanzamt uns einen äußerst höflichen Brief geschickt hat, mit der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, daß Staatsdefizit um einen erklecklichen Betrag zu vermindern?"

"Ja, hat er, beziehungsweise sie. Meine Liebe, wäre es vielleicht nicht doch möglich, wenn sie sich endlich herablassen könnten, zwischen uns das Du einzuführen? Sie zu sagen, geht mir immer so schwer über die Zunge."

"Nur keine Intimitäten, Chef! Fraternisierung im Büro ist dem Betriebsklima nur hinderlich. Wann kapieren Sie das endlich? Eben hat Louis angerufen. Er ist mit seinem Wagen in Barmbek in der Habichtstraße in eine Straßensperre gefahren, wo sie ihn nach seinem Sozialversicherungsausweis gefragt haben.
Mit seinem netten französischen Akzent und gewollt schlechtem Deutsch hat er geantwortet: 'Ihrr libben Leute. Isch nischt wissen, waas das ischt. Isch abe so was nischt.'
Daraufhin haben die Beamten ihn festgesetzt, das Auto durchwühlt, natürlich nichts gefunden, außer seinem ordnungsgemäßen Versicherungsausweis, und gemeint, wenn er versuche, einen deutschen Beamten zu verscheißern, würde er nach Frankreich abgeschoben, obwohl sie das ja gar nicht dürfen, da er ja ordentlicher EU-Bürger ist."

"Dieses lose Mundwerk kriegt wirklich noch mal eins drauf. Der Kerl kann's einfach nicht lassen. Her mit den Papieren, damit ich das hinter mir habe!"


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