18,30 Uhr

Gerade peitschte eine kräftige Regenböe gegen unsere Tür, als es klingelte. Der Damenbesuch!

"Soll ich an die Tür gehen, Chef. Vielleicht soll ich die Dame ja lieber gleich wieder nach Hause schicken, denn viel Zeit für derartige Sperenzchen haben Sie heute wirklich nicht."

"Das lassen Sie mal lieber meine Sorge sein! Vielleicht steht ja Gillian Anderson draußen und will mich zum Abendessen einladen? Oder vielleicht Ellen Barkin oder Jodie Foster? Oder gar Mena Suvari? Oder noch besser: Christina Ricci!

"Chef, die hätten wirklich was besseres zu tun, als mit einem Kerl wie Ihnen rumzuturteln, zumal alle diese holden Schönheiten inzwischen schon ein recht gesetztes Alter erreicht haben und Jodie Foster obendrein auch noch lesbisch ist."

"Scheiße! Ich vergaß das. Aber ich denke, wenn sie mich einmal treffen könnte, würde sie sich sicherlich sofort eines Besseren belehren lassen.
Na, wollen wir doch mal sehen, was uns der Sturm so reingeweht hat. Vielleicht ja eine Art Mary Poppins?
Wäre auch nicht so schlecht, denn die könnte diese Bude mal ein bißchen aufmischen."

Ich ging zur Tür, schaute auf den Monitor der Sicherungsanlage und konnte nichts erkennen. Die ,Dame' hatte sich intelligenterweise so plaziert, daß sie außerhalb des Blickwinkels der Kamera stand. Ganz schön clever!

Ich öffnete also die Tür.

Zunächst sah ich niemand, aber dann löste sich eine Gestalt aus dem Schatten und trat ins Licht.

"Moneypenny! Hier draußen steht eine durch die Traufe gezogene Kreuzung aus Pippi Langstrumpf und Tank Girl, aber knallrote Haare, wie angekündigt, hat sie, sofern man bei der Nässe und der miesen Beleuchtung überhaupt etwas erkennen kann."
Scheiße, war nichts mit Dana Scully! Man sollte eben, als ein in 'Ehren' erweißter Mann, nicht mehr solchen kindischen Träumen nachhängen!

"Hi, Grandpa!" hörte ich es leise aber deutlich aus diesem nassen Etwas hervorkommen.
Irgendwie hatte ich es geahnt, daß dieser Tag noch böse enden würde. Mußte es aber so weit kommen? Egal, wie ich es auch drehte und wendete: Es blieb die Tatsache bestehen, daß da draußen mein eigen Fleisch und Blut zu stehen schien, und das in einem äußerst beklagenswerten Zustand.

"Komm rein, du Frosch! Wenn ich nicht genau wüßte, daß du ihr Nachwuchs bist, würde ich der Illusion erliegen, daß du mein Töchterchen selbst wärst. Du scheinst von den Genen deiner Mutter deutlich mehr abbekommen zu haben, als von deinem dämlichen Vater."

"Chef!" Moneypenny zeterte. "Quatschen Sie nicht solange rum und holen Sie die Kleine endlich rein! Sie und ich werden uns noch den Tod holen, denn es zieht hier wie Hechtsuppe, und das ist gar nicht gut für mein Rheuma! In dieser Firma wird aber auch überhaupt keine Rücksicht auf den Zustand der Arbeitnehmer genommen! Ich werde mich bei meinem Chef beschweren! "

"Tun Sie daß! Also komm rein! Ich glaube, wir trichtern ihr erst mal einen steifen Eiergrog rein, Moneypenny!"

Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt nicht nur umgebracht, sondern gevierteilt und in kleinen Stückchen einzeln gegrillt worden.

Aus irgendeiner ihrer unergründlichen Schubladen holte Moneypenny eine warme dicke superflauschige Wolldecke hervor, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte, und hüllte dieses Wesen erst einmal darin ein.

"Gucken Sie nicht so bescheuert, Chef1 Das ist meine Geheimwaffe gegen die Auswirkungen der Heizölrationierungen der letzten Monate. Ein altes Erbstück meiner Großmutter. Gott hab sie selig! Und Ihnen habe ich das gute Stück natürlich nicht gezeigt, da sie sonst oben in dem Chaos verschwinden würde, das Sie Ihre Privatsphäre zu nennen geruhen. Auf Nimmerwiedersehen."

"Meine Liebe, Sie sollten mich nun langsam kennen! Unsereiner wärmt sich doch nicht mit Flauschdeckchen auf, sondern mit besagtem Rum, von dem es in diesem Büro eigentlich ein Fläschchen geben sollte. Für allerlei Notfalle wie diesem zum Beispiel. Wo haben Sie den versteckt?"

"Chef! Solange wie ich noch in dieser Hütte weile, wird an Minderjährige nichts Hochprozentiges gereicht, Soweit kommt das noch! Ich koch der Kleinen erst mal einen schönen starken Tee.
Komm setzt dich an den Ofen, Kleines, und zieh erst mal die nassen Klamotten aus! Zu diesem Zwecke verschwinden Sie aus dem Büro! Auch wenn diese Kleine Ihre Enkelin ist, sind das Dinge, die nur zwischen uns Frauen geregelt werden können. Also raus hier! Kapiert?
Wie heißt du eigentlich, Kleine? Irgendwie muß ich dich ja anreden. Mein Name ist Fräulein Pfennig. Aber das Ungeheuer von Mann, das du deinen Großvater zu nennen die zweifelhafte Ehre hast, ruft mich immer Moneypenny, wie du sicherlich schon bemerkt hast. Aber du darfst mich Martha nennen. Das gestatte ich in diesem Betrieb nur dir und sonst niemandem. In diesem feinen Laden arbeiten nämlich nur Irre, aber das wirst du ja selbst sehr schnell bemerken."

"Ich heiße Naomi", flüsterte der Rotschopf. "Ich freue mich, hier bei euch zu sein. Alle sind so nett und freundlich miteinander. Genauso, wie meine Mom es mir überliefert hat. Sie meinte, das sei der einzige Platz im Universum, wo man aus mir noch was machen, und ich was fur's Leben lernen könne. Einer der Wahlsprüche meines Grandpas soll auch 'Ihr seid Schweine! Hier fuhl ich mich wohl! Hier bleib ich!' sein. Ich glaube, wenn ich euch beide so betrachte, werde ich mir selbigen zum Vorbild nehmen. Außerdem habe ich sowieso keine Wahl. Ich muß bei euch bleiben, da ich kein Geld mehr habe für ein Rückflug-Ticket und drüben sowieso niemand für mich sorgen kann."

"So, so", brummelte ich in meinen nicht mehr vorhandenen Bart. "Du machst eigentlich den Eindruck, als könntest du das ganz gut auch allein auf die aufpassen. Ehrlich: Wenn ich nicht genau wüßte, daß du nicht deine Mutter bist.. .?"

"Hör nicht auf diesen Schwachsinnigen, Kleine! Und Sie verschwinden jetzt, Chef!"
Ich verzog mich in einen kleinen Nebenraum und hörte, allerdings nur sehr undeutlich, wie Moneypenny meine Enkelin weiter über ihren Großvater und die Kerle, die sonst noch bei ihm arbeiteten, aufklärte. Alles grobschlächtige ungebildete Monster, die nichts anderes im Kopfhätten als Weiber, Suff und Taxifahren.
Ich meinte noch zu hören, wie Naomi Monneypenny fragte, wieso sie denn hier immer noch arbeite, konnte aber leider nicht mehr mitbekommen, wie ihre Antwort ausfiel. Wäre wahrscheinlich recht aufschlußreich gewesen.

Nach einer Viertelstunde wurde ich gnädigst wieder hereingelassen, und sah auf den ersten Blick: Die beiden waren bereits ein Herz und eine Seele! Immer bereit und in der Lage, einem alten Mann wie mir das Leben zur Hölle zu machen. Was für ein Team! Das konnte ja herzig werden! Frauen wie Moneypenny wurden immer dann zu einem echten Problem, wenn sie ihre mütterliche Ader entdeckten. Und genau das war passiert. Als ob in meinem Leben nicht schon genug Adrenalin durch Herz und Hirn geschossen worden wäre.
Aber: Was einen nicht tötet, macht einen nur härter! Oder?

Ständig diese blödsinnigen Sprüche! Aber die Vorfahren wußten schon, warum sie so was in die Welt setzten. Sicherlich waren es genau so hart geprüfte Mannsbilder wie ich. Mir blieb auch nichts erspart.
Um noch ein Zitat aus einer alten deutschen Filmkomödie aus den 60ern des letzten Jahrhunderts zu bringen, der irgend wie was mit 'Zur Sache, Schätzchen!' zu tun hatte: "Ich habe es gar nicht gern, wenn alles morgens schon so dynamisch anfängt." Aber nun war eh alles zu spät. Nun hieß es nur noch, das Beste drauß zu machen. Irgendwie sehnte ich mich in meine sichere vertraute Umgebung meines Taxis. Da konnte mir nichts passieren. Aber hier war die Gegend voller ungeahnter Minenfelder, wo man nur mit äußerster Vorsicht durchtappen mußte, damit man nicht den Überblick verlor.

Während Moneypenny Naomi die Haare mit einem Handtuch abrubbelte, wodurch sie eine unglaubliche Ähnlichkeit mit Pumuckel bekam, schlürfte dieses Etwas eine Tasse heißen Tee und begann sich deutlich zu regenerieren. Die Augen unter ihrer runden Nickelbrille blitzten schon wieder verdächtig lebendig. Man konnte unschwer feststellen, daß sie sich wohl fuhlte und ihren Platz in unserem Leben bereits mit Beschlag belegt hatte. So schnell konnte das gehen!
Noch vor einer halben Stunde hatte ich nur die mir liebgewordenen alten Probleme am Hals. Und dann dieses:
Es genügte ein Klingeln an der Haustür und alles war nicht mehr so wie vorher.

Na ja, außerhalb dieses Büros würde das meiste ja wohl noch so sein wie vorher. Hoffte ich jedenfalls zutiefst.
Ich war mir nicht so sicher, ob ich als erziehender Großvater so der Geeignete sein würde, aber irgendwie freute ich mich auch über den Familienzuwachs. So wie die Kleine gebaut war, würde sie wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit den Laden hier vollständig umkrempeln. Aber ein wenig frischer Wind - obwohl es sich bei ihr eher um einen Tornado handelte - konnte ja meinen morschen Knochen auch nicht schlecht tun, obwohl der Arzt mir jedwede Aufregung strengstens untersagt hatte, die man nicht mit einem doppelten Talisker bessern konnte.
Ich beschloß, mir einen Dreifachen vorzustellen, und fühlte mich gleich ein wenig besser.



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